PRESSEBERICHT

La Traviata und Tortelli

Die Emilia Romagna in Mittelitalien steht für Genuss, Gesang und Genies. Ein berühmtes Beispiel: Giuseppe Verdi

von Bettina Seipp

Die Emilia Romagna ist das kulinarische und musikalische Herz Italiens. Was kein Zufall ist in einem Land, in dem jeder Wirt glaubt, die ultimative Füllung für tortelli zu haben und das in den höchsten Tönen verkündet. Sinnesfreuden und Sangeslust - nirgendwo wird diese delikate Verbindung so intensiv gepflegt wie in Busseto, einer kleinen Stadt nahe Parma, wo Giuseppe Verdi seine Ausbildung erhielt und 1830 den ersten öffentlichen Auftritt hatte. 35 Jahre später bauten die Bürger von Busseto zu Ehren ihres größten "Sohnes" - was nicht ganz stimmt, Verdi kam 1813 im benachbarten Roncole zur Welt - ein prunkvolles Teatro Verdi.

Noch heute sieht sich Busseto als Gralshüterin des Genies und demonstriert das weidlich: Fast jedes Geschäft in der Via Roma ziert ein Verdi-Porträt, Hotels tragen Namen seiner Opern und selbst auf Weinflaschen und Würsten - eine Delikatesse ist culatello, ein Schinken mit sinfonischer Reife - prangt das Konterfei des Maestros. Über die Grenzen des Landes hinaus berühmt ist die historische "Salsamenteria", eigentlich eine Galerie typischer Aromen der Po-Ebene, in der inzwischen aber mehrheitlich Verdi-Devotionalien die Regale füllen. Und wenn einmal im Jahr auf der Piazza Verdi die besten Verdi-Interpreten gekürt werden, kauft sich der Besitzer, Signor Linos, bei seinem Nachbarn, einem Konditormeister, mal eben eine torta otella oder eine torta torronata, um beim ersten falschen Ton flugs sein Urteil abzugeben ...

Vielleicht hätte die Emilia-Romagna ohne ihre rompiscatole - Querköpfe - nie Italiens kreativste Küche hervorgebracht. Mit Bologna als Hauptstadt des Genusses. La grassa, die Fette, wird sie auch genannt, weil sie aus Essen einen Lebenszweck macht. Es heißt, Bolognas saftige Fleischpasteten und der Lambrusco hielten ihre Bewohner ständig in einer Art Euphorie. Selbst die Chinesen erweisen der Bologneser Kochkunst ihre Referenz und mischen Soja mit Öl und Speck. Legendär sind die Mühlstein-großen Mortadella-Würste in den Auslagen der Metzgereien; ein Meter Durchmesser kann die mit Speckwürfeln gespickte Schinkenwurst haben. Gut sortierte Delikatessenläden führen 250 Käse- und 100 Aufschnittsorten. Bologna - wo man Nachtschwärmer im Wissen um ihre wahre Leidenschaft biasanot, Nachtkauer, nennt - speist sich vor allem aus dem direkten Umland: Aus der Emilia im Nordosten, die seit den Galliern die "Kultur des Schweins" pflegt. Sowie aus dem sich bis zur Adria erstreckenden Landesteil Romagna, mit seiner byzantinischen Tradition und einer Vorliebe für Lammfleisch.

Keine Frage, dass auch Giuseppe Verdi ein Feinschmecker war. Zu seinen Leibspeisen gehörten spalla cotta (gekochter Schweinenacken mit gedünstetem Fenchel und Gemüsereigen, der sich an bestem Olivenöl labt), involtini all' emiliana (mit Ricotta gefüllte Kalbfleischröllchen), tortelli d'erbetta und tortelli di zucca (Teigtaschen mit Kräuter-, respektive Kürbisfüllung) sowie cappelletti (Teigtaschen mit Parmesanfüllung). Restaurants, die etwas auf sich halten, bieten diese Gerichte an und behaupten auch gern, schon der Maestro habe bei ihnen diniert. Fromme Legenden, die sich kaum nachweisen lassen.

Tatsache ist, dass Verdi, der zu Lebzeiten in ganz Europa Triumphe feierte, seiner Heimat treu blieb und sich nicht weit von Busseto entfernt, im kleinen Ort Sant' Agata, eine Villa bauen ließ. Noch heute wohnen einige seiner Nachkommen in dem großbürgerlichen Anwesen; nur ein Teil des Hauses, in dem der Komponist mit seiner zweiten Frau, der Sopranistin Giuseppina Strepponi lebte, steht zur Besichtigung frei.

Abgesehen von kurzen Aufenthalten in Paris und Mailand residierte Verdi ab 1853 ununterbrochen in Sant'Agata, komponierte und leitete nebenbei auch das Gut. Was nicht ohne Einfluss auf seine Musik blieb; so habe der Rhythmus der Verdi-Opern seinen Ursprung in der parmesanischen Erde, dem "Land des Melodrams", wie der Musiker und Schriftsteller Bruno Barilli schrieb. Dass sich in dieser Region immer wieder Gesang und Genuss paaren und kräftige Tenöre hervorbringt - zwei Beispiele der Gegenwart: Luciano Pavarotti und Andrea Bocelli -, dafür gibt es auch historische Gründe. Verlieh doch der Kirchenstaat, der bis 1860 hier das Sagen hatte, einem Ort nur dann das Stadtrecht, wenn er eine Schule, eine Kirche und ein Theater hatte. So gilt das Publikum von Parma - hier wurde Toscanini geboren und Paganini begraben - als das fachkundigste Italiens, das mit Pfeifkonzerten oder Ovationen die Karriere der Künstler beeinflussen konnte. Heute geht es freilich friedlicher im Teatro Regio zu, dem Allerheiligsten der Verdi-Fans. Und keine Frage, dass die Feinschmeckergeschäfte von Parma den Lieblingsaufschnitt des Maestros - Vorderschinken von San Secondo - ständig im Angebot haben.

Schon zu seinen Lebzeiten bildeten die drei Städte Parma, Langhirano und Reggio Emilia eine Art Bermuda-Dreieck, in dem Unmengen an Fleisch und Milch in den Räuchereien und Käsereien "verschwanden", um nach Monaten als prosciutto di parma (Parmaschinken) und formaggio parmigiano-reggiano (Parmesan) wieder aufzutauchen. Parmesan ist das Brot der Emilia; er eröffnet den Reigen, gerieben auf Nudeln oder Teigtaschen. Und beendet ihn in kleinen Stücken als Dessert. Nichts schließt besser den Magen, zusammen mit einem schweren Gutturnio aus den Hügeln um Piacenza oder einem vollmundigen Sangiovese aus der Region um Imola.

Während die Region um Parma in Pathos schwebt, wenden sich andere Städte zeitgenössischer Musik zu, etwa Ferrara, das Europas größtes Festival für Buskers veranstaltet, wie die Straßenmusikanten im Englischen genannt werden. Einen besseren Ort hätten sie nicht finden können, das Zentrum der Renaissancestadt gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO und ist nur für Fahrräder freigegeben. Überhaupt sind Biker ein typischer Anblick in der Romagna, wo die Deiche der Po-Arme die höchsten Erhebungen bilden. Auf ihnen kann man bequem von Ferrara nach Ravenna zum gleichnamigen Musik-Festival radeln.

Es ist das nach Salzburg und Bayreuth bedeutendste musikalische Ereignis im europäischen Konzertkalender, das vier Wochen lang ganz Ravenna in eine Bühne für Oper, Operette, Theater und Ballett verwandelt - selbst die berühmten Kirchen San Vitale und Sant'Apollinare in Classe öffnen ihre Pforten. Dass jedes Jahr auch Musik von Verdi zu hören ist, darf nicht verwundern. Versuche, den Komponisten einmal zu umgehen, führten zu heftigen Protesten.

P.S.: Wenn Sie nach einer kulinarisch-musikalischen Reise durch die Emilia Romagna wieder ein paar Pfunde loswerden wollen, besuchen Sie doch eines der 18 Thermalbäder. Salsomaggiore ist das schönste, in ein pompöses Liberty-Ambiente der Jahrhundertwende gekleidete Wannen-Walhalla. Und die beliebteste Musik in den gazebi, wie man in Italien die Konzertmuscheln in den Parks nennt, ist natürlich jene von Verdi.

Info Emilia Romagna

Veranstalter : Genuss und Gesang im Paket bieten INS-Reisen, Tel. 089/32 30 40; Internationale Theater- und Musikreisen Rainer J. Beck, Tel. 089/57 40 34 und Opera Tours, Tel. 06133/933 40

Konzerte: 20. Juni bis 20. Juli: Ravenna-Festival, Tel. 0039/0544/24 92 11; 3. bis 30. Juli: "Grande Estate"- Theater-Festival in Parma, Tel. 0039/521/23 47 35, Karten, 0039/521/21 86 78; 25. bis 31. August: Busker-Festival in Ferrara, Tel. 0039/532/24 93 37; September/Oktober: Mozart-Festival in Salsomaggiore, Tel. 0039/524/58 02 11, Karten, 0039/524/58 02 04; Oktober/November: Musikfestival in Reggio Emilia, Tel. 0039/522/45 88 11;

Artikel erschienen am 15. Juni 2003 - Welt am Sonntag


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